Die Geschichte der Heilandskirche

Vom Toleranz-Bethaus bis heute

1824

Der Seilermeister Johann Kirste kauft auf dem Holzplatz vor der Stadt (heute Kaiser-Josef-Platz) einen Baugrund, schenkt ihn der Gemeinde und stiftet 5.000 Gulden für den Bau eines Bethauses.

Am 6. April 1824 beginnt die kleine Gemeinde mit dem Bau eines dreigeschossigen Gebäudes in der Art eines Biedermeier-Wohnhauses mit durchgehendem Walmdach.

Das Gebäude enthielt neben einem großen, hohen Betsaal auch Wohnungen für den Pfarrer, den Kirchendiener und den Lehrer sowie ein Schulzimmer (die spätere Evangelische Mädchenschule, das heutige Martin Luther-Haus). Die Pläne dazu entwarf Baumeister Michael Mareck. Am 10. Oktober 1824, nach nur sechs Monaten Bauzeit, wird das Bethaus eingeweiht.

Der Betsaal ist ein fünfjochiges Langhaus mit Gewölben, zwei Emporen an der Ostseite und drei, dem auferlegten Wohnhaus-Charakter entsprechend, übereinander liegenden Fensterreihen. In den Saal gelangte man damals durch die Haustür, den Flur und einen Eingang, ungefähr an der Stelle des heutigen Wandaltars.

Der 1829 nachträglich eingebaute Altar stand platzseitig, wo sich seit 1853 Kircheneingang und Orgelempore befinden. Das Bild des Gekreuzigten im typischen Nazarener-Stil der damaligen Zeit stammt von Josef Wonsiedler, der auch sakrale Bilder für die Grazer röm.-kath. Kirchen St. Leonhard und Karlau schuf.

Die ebenfalls 1829 errichtete Kanzel war ursprünglich zwischen dem ersten und dem zweiten Fenster, unmittelbar rechts des heutigen Eingangs. Ihre Tafel trägt die Inschrift: „Ev. Joh. cap. IV v XXIV“ (Johannes-Evangelium, Kap. 4, Vers 24): „Gott ist Geist und die ihn anbeten, müssen ihn im Geist und in der Wahrheit anbeten“.

1853/54 wird das Toleranz-Bethaus umgebaut. Es erhält außen und innen die heutige Gestalt der Heilandskirche mit ihrem Turm, dem Eingangsportal auf Platzseite und hohen Kirchenfenstern. Der Innenraum behält seinen Charakter, wird aber wegen der Errichtung des Portals umgedreht: Wandaltar und Kanzel kommen an ihren heutigen Ort, die Orgelempore wird eingebaut.

Mit dem Turm wird auch ein neuer Gebäudetrakt errichtet, der vor allem Schulzwecken dient – das heutige Pfarrhaus an der Front zum Kaiser-Josef-Platz.

Der Architekt ist Franz Zehengruber, ein 24jähriger Baumeistersohn aus Wien, der zwei Planungsaufträge in Graz erhielt: das Hotel Erzherzog Johann und die Heilandskirche.

1895: Aufgrund des großen Zulaufs muss ein neues Schulgebäude für die Knabenschule errichtet werden – das heutige „Ihle-Haus“ (benannt nach dem ehemaligen Kurator Hans Ihle). In ihm befinden sich nunmehr der Festsaal der Gemeinde, das Jugendzentrum „Domino“ sowie einer unserer Kindergärten.

1918 erfolgt die Namensgebung „Heilandskirche“ (nach dem Altarbild), da seit 1914 (Kreuzkirche im Volksgarten) zwei evangelische Kirchen in Graz stehen.

Im Zweiten Weltkrieg dient der Keller des Pfarrhauses als Luftschutzbunker. Schwere eiserne Türen mit entsprechenden Beschriftungen erinnern noch heute daran.

Im Winter 1944/45 zerbersten bei einem alliierten Bombenangriff, bei dem das benachbarte Opernhaus stark beschädigt wird, alle Kirchenfenster.

Den britischen Besatzungstruppen dient die Heilandskirche nach Ende des Krieges als ihre „Garnisonskirche“, weshalb die Fenster bald wieder verglast sind.

Anlässlich des Jubiläums „200 Jahre Toleranzpatent“ beschließen Gemeindevertretung und Presbyterium 1981 die Sanierung aller Gebäude.

Begonnen wird mit dem Umbau der ehemaligen Mädchenschule im ersten Pfarr- und Schulhaus aus dem Jahr 1824: Es soll zu einem Gemeindezentrum für Gemeinde-, Jugend- und Studentenarbeit, Kirchenmusik und Bildungsarbeit werden.

Am 5. November 1983 wird anlässlich des 500. Geburtstages Martin Luthers (geb. 10.11.1483), das „Martin Luther-Haus“ durch Carl Mau, den Generalsekretär des lutherischen Weltbundes in Genf, eröffnet.

1989/90 erfolgt die vollständige Außenrenovierung der Kirche. Bei der Restaurierung der Fassaden und des Portals greift man auf die Pläne von 1853 zurück und saniert auch gleich den Dachstuhl.

1992 wird die Kirche innen völlig renoviert und umgestaltet: eine neue Färbelung, die Erneuerung der Böden (aus 1824) sowie der Sitzbänke verleihen dem Raum einen völlig neuen Charakter. Auch der Wandaltar von 1829 und die Kanzel werden im Zuge dessen restauriert.

Der Eingangsbereich bekommt eine Glas-Messing-Konstruktion, der Altarraum wird vergrößert und mit Taufbecken, Tischaltar und Ambo gestaltet.

Die alte, an die Gefallenen der beiden Weltkriege erinnernde Gedenktafel neben der Kanzel (enthüllt 1924, erweitert 1949) erhält einen Glasprospekt mit einer Inschrift des Presbyteriums: „Lernen wir miteinander zu leben, nicht gegeneinander“.

Vier, jeweils in den liturgischen Farben des Kirchenjahres gehaltene Altarraumteppiche und Paramente sind von der Grazer Künstlerin Edda Ruckenbauer entworfen und gewebt.

Transparenz des Raumes“ ist der Leitgedanke der neuen Heilandskirche. Die Färbelung bringt die Struktur des Raumes, die Wände, Säulen und Gewölbe des Toleranz-Bethauses von 1824 zum Vorschein. Der ganze Raum ist „durchsichtig“ – hin auf das Christusbild am Altar.

Am 30. Oktober 1992 findet die feierliche Eröffnung der neuen Heilandskirche anlässlich des Reformationsfestes statt: Die Einweihung nimmt Superintendent Ernst-Christian Gerhold vor; anschließend wird Prof. Herbert Blendingers Kantate „Mich ruft zuweilen eine Stille“ uraufgeführt.

Die gesamte Konzeption für die umfassenden Umbau- und Renovierungsarbeiten, die mehr als 10 Jahre dauerten (1982 bis 1992), stammt von Architekt Werner Hollomey: Ob Martin-Luther-Haus, Außen- und Innenrenovierung der Kirche, Sanierung des Ihle-Hauses mit dem Festsaal, Neugestaltung des Innenhofes, selbst die Entwürfe von Tischaltar, Tischkreuz, Taufbeckengestell, Ambo, Leuchten und Kirchenbänken tragen seine Handschrift.

Als krönenden Abschluss der Renovierungsarbeiten erhält die Heilandskirche im Oktober 1993 Farbfenster aus Antikglas. Die künstlerische Gestaltung stammt von der Grazer Künstlerin Edith Temmel. Hergestellt werden die Fenster von der Glaserei des Zisterzienser-Stiftes Schlierbach in Oberösterreich.

2013 wird der Hof der Heilandskirche unter dem Motto „Platz für Kinder – Raum für Viele(s)“ nach den Plänen des Architekten Kai Holtin (Graz/Hannover) erneut umgestaltet. Er wird damit gänzlich autofrei.

Sakralgegenstände

1822, zur Gründung der Gemeinde, stifteten wohlhabende Gemeindeglieder etliche Sakralgegenstände mit entsprechenden Inschriften, darunter Taufbecken, Kelch und Hostienschale (Patene) sowie einen Kollektenteller. Diese werden teilweise bis zum heutigen Tag verwendet.

Die Orgeln der Heilandskirche

1850 erhält noch das Bethaus die erste Orgel, gestiftet von Emilie Péché d’Aubigny von Engelbrunner, die aus einem alten Hugenottengeschlecht stammt. Gebaut wird die Orgel von der Wiener Firma Ullmann.

1908 wird eine neue Orgel der Firma Walcker (Ludwigsburg) eingebaut. Sie war die bedeutendste Orgel in Graz und hat mit der Kantorei der Heilandskirche in hervorragender Weise die protestantische Kirchenmusik in Graz eingeführt.

1977 erhält die Heilandskirche ihre dritte Orgel (Einweihung am 16.10.1977). Das klassizistische Gehäuse und der Prospekt der Walcker-Orgel von 1908 werden belassen und restauriert, das Orgelwerk zur Gänze von der Grazer Orgelbaufirma Johann Krenn’s Witwe & Söhne erneuert. Das Orgelwerk wird händisch in Form einer Schleifwindladen-Orgel mit rein mechanischer Spiel- und Registertraktur gebaut. Haupt-, Brust- und Pedalwerk vereinen 21 Register mit 1.443 Pfeifen.

Die Disposition der Orgel stammt von Kantor Martin Hopfmüller aus Oberschützen. Die Orgel dient neben dem Gottesdienst der Gemeinde auch zahlreichen Konzertaufführungen.

Im Herbst 2013 sieht sich das Presbyterium aufgrund des Zustands der Orgel gezwungen, einen Grundsatzbeschluss zur Erneuerung derselben zu schaffen. Ziel ist Einweihung der neuen Orgel zum 500. Reformationsjubiläum im Jahr 2017.

Die Glocken

Mit der Errichtung des Turmes 1854 erhält die Heilandskirche ihr erstes Geläut. Drei Bronzeglocken werden am 15. Juli ihrer Bestimmung übergeben.

Während des Ersten Weltkrieges werden zwei dieser Glocken für Kriegszwecke eingezogen. Mit dem Verkaufserlös der verbliebenen dritten Glocke werden 1919 drei neue Glocken – nunmehr aus Stahl – angeschafft. Sie sind gestimmt auf cis, e und g und tragen die Namen Glaube (300kg), Liebe (520kg) und Friede (900kg).